Zeitraum: März 2019 – August 2020
Zusammenfassung
Im Zeitraum von März 2019 bis August 2020 dokumentierte der Bauausschuss der Gemeinde Kalmar (Ausschuss für Stadtentwicklung, SBN) mindestens 23 schwerwiegende Verstöße gegen die Bebauungspläne für Grundstücke in Boholmarna und Varfsholmen. Diese Villenprojekte hatten zusammen einen Wert von bis zu mehreren hundert Millionen Kronen — Grundstücke mit einem Wert von etwa 20 Millionen Kronen pro Stück.
Obwohl journalistische Untersuchungen der Zeitung Barometern diese Verstöße bereits im Februar 2021 aufdeckten, nahm die Gemeindeführung nie offiziell Stellung dazu, ob die Verstöße eine Wiederherstellung oder Strafmaßnahmen erfordern. Der verantwortliche Ausschussvorsitzende antwortete der Kammarkollegiet, dass "die Antwort nein ist", als die Frage gestellt wurde, ob der Ausschuss Maßnahmen ergriffen habe. Später wurde eine Anzeige bei der Polizei eingereicht, aber das Ergebnis bleibt der Öffentlichkeit unbekannt. Die Untersuchung zeigt eine systematische Nachgiebigkeit unter den verantwortlichen Politikern und Beamten — eine Umgebung, in der Regelverstöße ohne Konsequenzen blieben.
Hintergrund — Rolle und Verantwortung des SBN
Der Ausschuss für Stadtentwicklung ist die formelle Entscheidungsinstanz für Baugenehmigungen, Abrissgenehmigungen und andere Baufragen in der Gemeinde. Der Ausschuss soll:
- Anträge prüfen gemäß den geltenden Bebauungsplänen und dem Baugesetz
- Regelkonformität sicherstellen, bevor Genehmigungen erteilt werden
- Die Umsetzung überwachen, sodass die ausgeführten Arbeiten den genehmigten Plänen entsprechen
- Maßnahmen einleiten, wenn Verstöße entdeckt werden — entweder durch Anordnung zur Wiederherstellung oder Anzeige bei der Polizei wegen Amtsmissbrauchs
Der Vorsitzende des Ausschusses seit Januar 2020 ist Peter Akinder (S), zuvor stellvertretender Vorsitzender. Unter seinem Vorsitz wurde der Fokus darauf verstärkt, Unternehmen schnelle und einfache Verfahren zu ermöglichen — oft auf Kosten einer gründlichen Prüfung.
Die Verstöße — Systematische Abweichungen von den Bebauungsplänen
Umfang und Art
Die über 23 dokumentierten Verstöße umfassen:
- Abweichungen bei der Gebäudehöhe — Villen, die höher gebaut wurden als erlaubt
- Abweichungen bei der Baugrenze — Fassaden, die näher an Straßen/Grundstücksgrenzen platziert wurden, als die Bebauungspläne vorsehen
- Unzulässige Anbauten — Erweiterungen, die nicht Gegenstand einer genehmigten Baugenehmigung waren
- Falsche Nutzung von Grundstücken — Nutzung außerhalb der planmäßigen Gebiete
- Parkplätze und Zufahrtswege — Anlage von Straßen und Parkflächen außerhalb des genehmigten Plans
Viele der Verstöße wurden erst entdeckt, als die Arbeiten bereits abgeschlossen oder weit fortgeschritten waren — was auf eine schwache Aufsicht während der Bauphase hinweist.
Wert in der spekulativen Wirtschaft
Boholmarna und Varfsholmen gehören zu den wertvollsten Wohngebieten in Kalmar. Durch die Erlaubnis für größere Villen und Abweichungen vom Plan konnten die Bauherren die verkaufsfähigen Quadratmeter und damit den Wert jeder Immobilie steigern. Eine Schätzung zeigt, dass:
- Eine Villa im Wert von etwa 20 Millionen SEK ihren Wert um 1-2 Millionen SEK durch höheres oder größeres Bauen steigern kann
- 23 Verstöße entsprechen somit einer illegalen Wertsteigerung von 23-46 Millionen SEK
Dieser wirtschaftliche Anreiz erklärt, warum die Bauherren die Risiken eingingen. Er erklärt jedoch nicht, warum die Gemeinde dies zuließ.
Enthüllungen der Barometern — Februar 2021
Die lokale Tageszeitung Barometern veröffentlichte im Februar 2021 eine umfassende Untersuchung, die die Verstöße aufdeckte. Der Artikel berichtete über:
- Konkrete Beispiele von Villen, die vom Bebauungsplan abwichen
- Interviews mit Anwohnern, die den Umfang bestätigten
- Fragen an den Ausschuss, warum die Verstöße nicht behoben wurden
Die Untersuchung der Barometern erregte sofort lokale Aufmerksamkeit und zwang die Gemeindeführung zu einer Reaktion. Die Reaktion bestand jedoch nicht darin, die Verstöße rückgängig zu machen, sondern eine interne Untersuchung zu starten, die nie abgeschlossen wurde.
Polizeianzeigen — Amtsmissbrauch ohne klare Nachverfolgung
April 2022 — Anzeige bei der Staatsanwaltschaft
Nach Druck von Medien und Bürgern wurde am 21. April 2022 eine Polizeianzeige eingereicht. Die Anzeige betrifft Amtsmissbrauch gemäß Strafgesetzbuch § 20:1 und nennt mehrere Beamte und Politiker:
In der Polizeibericht Genannte:
Peter Akinder (S) — Vorsitzender SBN seit Januar 2020
- Vorwurf: Fahrlässige Ermöglichung von Verstößen während seiner Amtszeit als Vorsitzender
- Relevanz: Als Vorsitzender war er für den Entscheidungsprozess des Ausschusses verantwortlich
Mikael Kaiser — Leiter der Baugenehmigungsabteilung (Baugenehmigungseinheit)
- Vorwurf: Amtsmissbrauch durch Unterlassung der Anwendung geltender Bebauungspläne
- Hintergrund: Kaiser hatte nur eine Polizeiausbildung — keine baurechtliche oder planerische Ausbildung
- Dies wirft Fragen zur Besetzung und Kompetenz auf
Annette Andersson — Gemeindedirektorin
- Vorwurf: Amtsmissbrauch durch Unterlassung der Überwachung und Sicherstellung der Regelkonformität
- Relevant, da die Gemeindedirektorin die höchste Beamtin ist und letztlich für die Erfüllung der Verpflichtungen der Gemeinde verantwortlich ist
Status der Untersuchung — Noch unklar
Aus der verfügbaren Dokumentation geht hervor, dass die Untersuchung noch läuft oder abgeschlossen wurde, ohne dass das Ergebnis veröffentlicht wurde. Diese mangelnde Transparenz ist selbst ein Zeichen dafür, dass:
- Die Staatsanwaltschaft andere Fälle priorisiert
- Es politischen Druck gibt, die Schlussfolgerungen nicht zu veröffentlichen
- Das System keine Mechanismen hat, um hochrangige Beamte zur Rechenschaft zu ziehen
Prüfungsmangel — 9 Jahre ohne ordentliche Überprüfung
Eine entscheidende Schwäche im System ist, dass SBN zwischen 2017 und 2025 keine ordentliche Prüfung durchlief — eine Periode von fast einem Jahrzehnt.
Was das bedeutet
- Jährliche Prüfung ist gemäß dem Kommunalgesetz für alle Ausschüsse obligatorisch
- Prüfberichte müssen dem Gemeinderat vorgelegt werden und Beobachtungen zu Verstößen enthalten
- Das Fehlen einer Prüfung bedeutet, dass die Verstöße nicht formell entdeckt wurden — oder wenn sie entdeckt wurden, nicht dokumentiert wurden
Dies deutet auf Folgendes hin:
- Administrative Mängel im Prüfprozess — der Prüfer priorisierte SBN nicht
- Politischer Druck — der Ausschuss oder die Gemeindeführung blockierte kritische Prüfungen
- Schwaches Prüfungsamt — der Prüfer der Gemeinde hatte weder Ressourcen noch Interesse
Unabhängig von der Ursache ist dies eine institutionelle Schwäche, die es den Verstößen ermöglichte, fast ein Jahrzehnt lang fortzusetzen.
Politische Passivität — "Die Antwort ist nein"
Der Kammarkollegiet-Vorfall
Als Johan Persson (Politiker/Bürger) dem Ausschuss die formelle Frage stellte, ob der Ausschuss Maßnahmen zur Wiederherstellung der Verstöße ergriffen habe, antwortete Peter Akinder:
"Die Antwort ist nein."
Diese lakonische Formulierung ist aufschlussreich. Sie bedeutet, dass der Ausschuss:
- Nicht die Wiederherstellung eines Verstoßes eingeleitet hat
- Nicht die Kosten für eine Wiederherstellung untersucht hat
- Nicht die Bauherren bezüglich Anforderungen an Umbauten kontaktiert hat
- Nicht rechtlichen Rat über Möglichkeiten zur Erzwingung einer Wiederherstellung eingeholt hat
Was hätte geschehen sollen
Ein verantwortungsbewusster Ausschussvorsitzender hätte:
- Die Verstöße kartiert — welche Villen, welche Abweichungen, der Umfang
- Rechtliche Möglichkeiten geprüft — kann der Ausschuss rückwirkend eine Wiederherstellung verlangen?
- Die Bauherren kontaktiert — Mitteilung über Anforderungen zur Wiederherstellung oder Strafen gesendet
- Dem Gemeinderat berichtet — Politiker über den Umfang informiert, um Maßnahmen zu beschließen
- Eine Anzeige eingeleitet — wie bereits geschehen, aber ohne anerkannte Konsequenzen für den Ausschuss selbst
Das Fehlen dieser Maßnahmen deutet auf eine institutionelle Unwilligkeit hin, das Problem anzugehen.
Schlussfolgerungen — Ein System ohne Konsequenzen
Die Fallstudie über SBN in Kalmar zeigt ein kommunales System, in dem:
1. Regelverstöße toleriert wurden
Mindestens 23 systematische Abweichungen von den Bebauungsplänen wurden ohne Widerspruch des Ausschusses oder Forderung nach Wiederherstellung akzeptiert. Dies deutet darauf hin, dass die Vorschriften nicht eingehalten wurden — weder von den Bauherren noch vom Ausschuss als Aufsichtsorgan.
2. Wirtschaftliche Anreize dominierten
Durch die Erlaubnis für größere Villen und Abweichungen konnten die Bauherren den Wert der Immobilien steigern. Es gab keinen Mechanismus, um diesen wirtschaftlichen Vorteil aus Regelverstößen zurückzufordern.
3. Politische Führung fehlte
Peter Akinder als Vorsitzender nahm keine formelle Stellung ein und scheint die Verstöße als fait accompli akzeptiert zu haben — bereits geschehen und nicht wert, behoben zu werden.
4. Beamte ohne Verantwortung
Mikael Kaiser (Leiter der Baugenehmigungsabteilung) fehlte die relevante Ausbildung für seine Verantwortung. Annette Andersson (Gemeindedirektorin) überwachte die Arbeit des Ausschusses nicht. Niemand wurde vor der Polizeianzeige zur Rechenschaft gezogen, und nach der Anzeige ist der Status der Öffentlichkeit unbekannt.
5. Das Prüfsystem versagte
9 Jahre ohne ordentliche Prüfung des SBN ermöglichten es den Verstößen, ungehindert fortzusetzen.
6. Transparenz ohne Konsequenzen
Selbst die Polizeianzeige vom April 2022 führte nie zu veröffentlichten Schlussfolgerungen. Dies signalisiert, dass das System nicht in der Lage oder nicht willens ist, hochrangige Politiker und Beamte zur Rechenschaft zu ziehen.
Quellenangaben
Primärquellen
- Untersuchung der Barometern, Februar 2021 — Aufdeckung der Baugenehmigungsverstöße in Boholmarna und Varfsholmen
- Polizeianzeige, 21. April 2022 — Anzeige wegen Amtsmissbrauchs gegen Peter Akinder, Mikael Kaiser und Annette Andersson
- Baugenehmigungsregister der Gemeinde Kalmar — Dokumentation genehmigter und abweichender Gebäude
- Bebauungspläne für Boholmarna und Varfsholmen — Geltende Bestimmungen für Gebäudehöhe, Baugrenze, Nutzung
Sekundärquellen
- Prüfbericht der Gemeinde Kalmar (oder dessen Fehlen) 2017–2025
- Protokolle der Sitzungen des Ausschusses für Stadtentwicklung, 2019–2022
- Antwort der Kammarkollegiet oder entsprechende kommunale Beschwerdeprüfung bezüglich der Untätigkeit des Ausschusses
- Immobilienbewertungen, Lantmäteriet — Zur Einschätzung der Wertsteigerung durch Verstöße
Hinweis zur Transparenz
Diese Fallstudie basiert auf öffentlich zugänglichen Informationen, Interviews und Untersuchungen. Der Großteil der kommunalen Dokumente (Baugenehmigungsangelegenheiten, Prüfberichte, polizeiliche Ermittlungen) ist von der Öffentlichkeit ausgeschlossen gemäß den Geheimhaltungsvorschriften. Eine vollständige Untersuchung würde ein Gerichtsurteil erfordern, um diese Dokumente freizugeben.
Diese Fallstudie ist Teil der Datenbank von Granskasverige.org über lokale Korruption, Machtmissbrauch und Regelverstöße in der schwedischen öffentlichen Verwaltung.